– 07|09|26 –

Spinnennetz

In meinem Blogbeitrag „Mit dem Wissen von heute“ stand am Ende ein Satz: „Wer weiß, was noch alles Schönes passiert.“ Damals wusste ich natürlich nicht, was als Nächstes passieren würde.

Die Möglichkeit, meine Bilder auszustellen, hatte sich schon zweimal ergeben. Beide Male habe ich abgelehnt. Andere Menschen, andere Umstände – es passte damals einfach nicht. Eine Ausstellung habe ich allerdings schon einmal gemacht. Damals hatte ich meine Freundin Gerlinde an meiner Seite. Wobei „Unterstützung“ eigentlich das falsche Wort ist. Sie hat die Ausstellung praktisch allein aufgebaut, ich habe die Bilder geliefert. Nicht weil ich faul war, sondern weil ich damals selbstständig war und täglich noch rund zehn Stunden mit meiner Arbeit beschäftigt war.

Dann fotografierte ich die Goldene Hochzeit eines befreundeten Paares in der Kirche. Als die Zeremonie vorbei war, gab ich der Pfarrerin meine Visitenkarte und fragte nach der Möglichkeit einer Ausstellung. Warum eigentlich? Zweimal hatte ich schließlich schon abgelehnt. Allerdings waren es damals andere Leute, andere Umstände. Ob ich es diesmal wirklich ernst meinte, wusste ich in diesem Moment wahrscheinlich selbst nicht so genau. 

Die Visitenkarte hatte ihren Job gemacht. Einige Zeit später kam ein Anruf. „Ich habe Ihre Visitenkarte von der Pfarrerin bekommen. Wir planen die Ausstellungen in der Kirche für 2027. Der Hauptschwerpunkt soll Fotografie sein. Haben Sie Interesse, im Herbst 2027 Ihre Fotografien bei uns auszustellen?“

Ich musste erst einmal schlucken. Dann fragte ich vorsichtig, ob er meine Fotografien denn schon irgendwo im Netz gesehen hätte. „Jaaa“, kam die Antwort, „und Sie sind ja ziemlich breit aufgestellt.“ Nun gut. Das konnte man wohl so sagen. 

Spaziergängerin

Aus meiner vorsichtigen Frage war plötzlich etwas Reales geworden: die Aussicht auf eine Ausstellung 2027. Und damit begann der rote Ordner. Darin sammle ich inzwischen die Bilder, die für die Ausstellung infrage kommen. Und er ist schon ziemlich gut gefüllt.

Damit fangen allerdings die nächsten Fragen erst an. Vielleicht bekomme ich ungefähr 30 Bilder unter. Aber welche? Welche Größen? Welche Rahmen? Welche Passepartouts? Wie sollen die Bilder gedruckt werden? Und natürlich: Was wird das alles kosten?

Und dann müssen aus vielen guten Bildern irgendwann diejenigen werden, die gemeinsam eine Ausstellung ergeben. „Begegnung“ soll ihr Titel sein. Dafür brauche ich unterschiedliche Motive und trotzdem etwas, das sie miteinander verbindet. Vielleicht ist es also gar nicht so schlecht, „ziemlich breit aufgestellt“ zu sein.

Und dann wäre da noch die Vernissage. Mit einzelnen Besuchern über meine Bilder zu sprechen, macht mir überhaupt nichts aus. Schwierig wird es, wenn ich vorne stehen soll, alle mich anschauen und ich erklären soll, wie ich zur Fotografie gekommen bin, warum ich fotografiere und weshalb und wieso. Ich kenne mich. Hochroter Kopf. Blutdruck 170. Hervorragende Idee, Elke. 

Hase auf dem Feld

Aber bis Herbst 2027 ist noch Zeit. Und genau das macht die Auswahl so spannend. Bis dahin liegen noch drei Jahreszeiten vor mir. Es können neue Bilder entstehen, neue Perspektiven, vielleicht ganz neue Ansätze. Vielleicht fotografiere ich etwas, von dem ich heute noch gar nicht weiß, dass ich danach suche.

Der letzte Nebelmorgen war dafür das beste Beispiel. Eigentlich war ich wegen des Nebels und des Sonnenaufgangs losgefahren – und natürlich mit der Hoffnung auf Rehe, Hasen oder vielleicht einen Fuchs. Die Tiere hatten offenbar andere Pläne. Dafür waren da Nebellandschaften, Tau im Gegenlicht, kleine Details und ein Spinnennetz im Morgenlicht. Und plötzlich landeten wieder Bilder im roten Ordner, mit denen ich vorher überhaupt nicht gerechnet hatte.

​

Andererseits ist mein Archiv voll mit Aufnahmen, die durchaus vorzeigbar sind. Ein gutes Bild wird schließlich nicht schlechter, nur weil es schon ein paar Jahre auf der Festplatte liegt. Und dabei möchte ich einen Maßstab ganz bewusst nicht anlegen: Instagram.

Dort wird gescrollt. Ein Bild erscheint. Vielleicht bleibt jemand kurz hängen, vielleicht gibt es gnädigerweise ein Like oder einen Kommentar – und schon geht es weiter. Zum nächsten Bild. Und zum nächsten. Immer auf der Suche. Aber auf der Suche wonach eigentlich?

Bei einer Ausstellung ist das anders. Natürlich kann man auch dort an einem Bild vorbeigehen. Aber man kann davor stehen bleiben. Näher herantreten. Wieder einen Schritt zurückgehen. Vielleicht etwas darin entdecken, das ich beim Fotografieren ganz anders gesehen habe. Ein Bild bekommt etwas, das ihm im täglichen Bilderstrom oft fehlt: Zeit.

Sonnenuntergang

Vielleicht ist das am Ende sogar der richtige Maßstab für meinen roten Ordner. Nicht: Wie viele Likes hat dieses Bild bekommen? Sondern: Würde ich davor stehen bleiben?

Das kann ein Tierfoto sein, eine Landschaft, eine Straßenszene oder ein kleines Spinnennetz im Morgenlicht. Vielleicht verändert allein die Aussicht auf die Ausstellung auch meinen Blick. Hoffentlich nicht so weit, dass ich künftig losziehe und denke: Heute fotografiere ich ein Ausstellungsbild. Das wäre vermutlich die sicherste Methode, mit keinem nach Hause zu kommen. 

Also fotografiere ich weiter. Drei Jahreszeiten liegen noch vor mir. Mein Archiv ist voll und der rote Ordner schon ziemlich gut gefüllt. Irgendwo dazwischen werden sich die Bilder finden, die 2027 vielleicht tatsächlich an einer Wand hängen.

„Wer weiß, was noch alles Schönes passiert.“

Und der rote Ordner? Der ist schon ziemlich gut gefüllt. Aber das macht nichts. Schlimmer wäre es umgekehrt.

​