– 21|08|26 –

Schreibheft mit Füller

1970 sollten wir in der Schule einen Aufsatz schreiben. „Wie stelle ich mir das Jahr 2000 vor?“

Das Erste, was ich ausrechnete, war mein Alter. Im Jahr 2000 würde ich 40 sein. Vierzig! Oh Gott. So alt.

Was sollte man sich mit zehn Jahren unter einer vierzigjährigen Frau vorstellen? Wahrscheinlich jemanden, der sein Leben im Wesentlichen bereits hinter sich hatte. Dabei war der weitere Weg damals scheinbar ziemlich übersichtlich. Heiraten, eine Wohnung bekommen, Kinder, arbeiten. So sah das Leben vieler Frauen aus, die ich kannte.

Genau das wollte ich auf keinen Fall. Wenn ich mir schon eine Zukunft ausdenken durfte, dann sollte sie wenigstens interessanter werden.

Also flog ich im Jahr 2000 zum Mond. Mit einer Rakete, die natürlich selbst flog.

Es gab eine Kabine, die ein bisschen wie ein Fahrstuhl funktionierte. Man stieg hinein, gab sein Ziel ein, wurde in seine Bestandteile zerlegt und am gewünschten Ort wieder zusammengesetzt.

Heute würde man Teleportation dazu sagen. Damals fand ich es einfach praktisch. Auch Geld hatte ich abgeschafft. Jeder nahm sich, was er brauchte, denn von allem war genug vorhanden.
Niemand musste mehr sein halbes Leben mit Arbeit verbringen. Man arbeitete nur so viel, wie nötig war.

Und natürlich hatte inzwischen der Kommunismus Einzug gehalten. Alle Menschen waren gleich. Heute würde ich ergänzen: Manche vermutlich gleicher. Aber das wusste die Zehnjährige noch nicht.

Für meine schöne neue Welt bekam ich eine 3−. Mehr weiß ich von diesem Aufsatz nicht mehr.

56 Jahre später sitze ich wieder vor fast derselben Aufgabe. Wie stelle ich mir das Jahr 2050 vor? Diesmal muss ich mein Alter nicht ausrechnen. Und merkwürdigerweise denke ich auch nicht zuerst an Raketen.

Vielleicht steht 2050 noch immer die alte Tanne in unserem Garten.
Vielleicht streiten sich die Meisen noch genauso ums Futter wie heute.
Vielleicht kommt ein Eichhörnchen vorbei und ignoriert auch dann sämtliche Anweisungen der Fotografin.
Ich hoffe es zumindest.
Denn wenn ich mir das Jahr 2050 vorstelle, interessieren mich fliegende Autos inzwischen weniger als früher meine selbstfliegende Rakete. Wobei – gegen einen Roboter, der den Abwasch erledigt, hätte ich weiterhin nichts einzuwenden.

Vielleicht brauche ich keinen Autoschlüssel mehr. Ich steige ein und sage nur: „Zum See.“ Und das Auto antwortet: „Heute lieber nicht. Es regnet.“ Spätestens dann hätten wir ein ernstes Gespräch.

Vielleicht gibt es auch keine Arzttermine mehr, wie wir sie heute kennen. Meine Uhr hat längst festgestellt, dass mein Blutdruck zu hoch ist, der Kühlschrank weiß, dass ich zu wenig getrunken habe, und irgendeine künstliche Intelligenz meldet sich ungefragt: „Du solltest dich heute etwas schonen.“ Dann werde ich vermutlich antworten: „Du solltest dich heute etwas zurückhalten.“

Man muss schließlich auch 2050 noch wissen, wer hier das letzte Wort hat.

Garten mit Blumen und Tannen

Vielleicht ist das überhaupt der größte Unterschied zwischen meinem Blick von damals und meinem Blick von heute.
Mit zehn Jahren überlegte ich, was die Zukunft uns alles bringen könnte. Heute frage ich mich eher, was wir mit in die Zukunft nehmen können.

Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten Maschinen erfunden, die uns Arbeit abnehmen. Computer erledigen in Sekunden Dinge, für die Menschen früher Stunden brauchten. Informationen sind jederzeit verfügbar. Einkaufen können wir vom Sofa aus. Autos beginnen selbst zu fahren und künstliche Intelligenz beantwortet Fragen, bevor der Kaffee kalt geworden ist.

Eigentlich müssten wir inzwischen unglaublich viel Zeit haben. Merkwürdigerweise haben wir ständig zu wenig davon.
Vielleicht wäre das eine schöne Erfindung für 2050:
Zeit, die tatsächlich übrig bleibt. Zeit füreinander. Zeit für ein Gespräch, das nirgendwohin führen muss. Zeit, in einem Garten zu sitzen und zu beobachten, wer gerade angeflogen kommt.
Zeit, auf einen Vogel zu warten, der sich nicht an unsere Pläne hält.

Ich wünsche mir deshalb für 2050 gar keine spektakuläre Zukunft. Ich wünsche mir eine, in der Fortschritt uns hilft, ohne uns das Leben abzunehmen.
Eine Welt, in der nicht jede Wiese bebaut und nicht jeder Baum einem Parkplatz gewichen ist. Einen Garten, in dem es summt, flattert und zwitschert. Menschen, die sich noch gegenübersitzen und miteinander reden. Freundinnen, die bei einer Tasse Kaffee darüber diskutieren, ob künstliche Intelligenz irgendwann die Weltherrschaft übernimmt.
Und eine, die irgendwann trocken fragt: „Sag mal, nimmst du ChatGPT jetzt schon in Schutz?“ Vielleicht lachen wir 2050 über diese Frage. Vielleicht auch nicht.

Und irgendwo werden meine Fotos aus dem Jahr 2026 liegen.
Die Vögel, die Libellen, die Pferde, die Menschen auf der Straße, der See, die Schleuse. Heute sind es einfach meine Bilder. 2050 sind sie vielleicht Zeitdokumente. Vielleicht schaue ich dann eines davon an und denke: So sah das damals aus. So war unser Leben. So schlecht war es gar nicht.

Meise

Was 2050 tatsächlich sein wird, weiß ich genauso wenig wie die Zehnjährige im Jahr 1970 wusste, wie das Jahr 2000 aussehen würde. Meine Teleportationskabine lässt schließlich bis heute auf sich warten. Aber vielleicht ist das gar nicht schlimm.

Mit zehn wollte ich in die Zukunft fliegen.
Heute würde mir reichen, wenn wir dort gut ankommen.

Und falls ich 2050 noch immer mit einer Kamera durch die Gegend ziehe und mich darüber ärgere, dass mir schon wieder ein Vogel aus dem Bild geflogen ist, wäre das eigentlich gar keine schlechte Zukunft.

Eine Note brauche ich diesmal nicht.