– 11|08|26 –
Wir bewerten alte Fotos oft mit dem Wissen von heute.
„Da hätte ich anders stehen müssen.“
„Ich hätte die Blende weiter öffnen sollen.“
„Der Bildausschnitt hätte enger sein können.“
„Warum habe ich das nicht gesehen?“
Diese Gedanken kennen wahrscheinlich alle, die fotografieren. Doch sie haben einen entscheidenden Fehler: Sie setzen voraus, dass wir damals schon das wussten, was wir erst Jahre später gelernt haben.
Wir beurteilen unser früheres Ich mit dem Wissen unseres heutigen Ichs.
Das ist ungefähr so, als würde ein Erwachsener einem Erstklässler vorwerfen, dass er noch keine Differentialrechnung beherrscht. Natürlich sehen wir heute mehr. Wir erkennen störende Äste, schiefe Horizonte, ungünstige Ausschnitte oder ein zu hartes Licht. Nicht weil wir damals unaufmerksam waren, sondern weil wir seitdem Hunderte Stunden fotografiert, Bücher gelesen, Videos geschaut, Kritik angenommen und vor allem viele Fehler gemacht haben. Genau diese Fehler haben unseren Blick verändert. Ein Foto ist keine Prüfung, die man wiederholen kann. Es ist eine Momentaufnahme dessen, was wir in genau diesem Augenblick gesehen, empfunden und gekonnt haben. Wenn ich heute durch meine alten Aufnahmen gehe, sehe ich deshalb nicht nur Bilder. Ich sehe meinen damaligen Blick. Und manchmal muss ich dabei lächeln.Der schiefe Anfang
Im März 2017 fotografierte ich mit meinem Smartphone einen Sonnenuntergang. Ein Feldweg, kahle Bäume, schwere Wolken und dieses wunderbare Licht am Horizont.
Der Horizont? Nun ja. Der durfte offenbar machen, was er wollte.
Heute sehe ich sofort, dass das Bild ein wenig schief ist. Damals war mir etwas ganz anderes wichtig: dieses Licht. Ich wollte es festhalten. Mehr nicht.
Und vielleicht war genau das der Anfang. Ich wusste noch nichts über Bildgestaltung, Belichtungszeiten oder Brennweiten. Aber etwas hatte meine Aufmerksamkeit geweckt.
Ich hatte noch nicht gelernt zu fotografieren.
Aber ich hatte angefangen hinzusehen.
Was ein Kormoran über Zoom erzählen kann
Ein Jahr später, im Juni 2018, schwamm weit entfernt ein Kormoran. Plötzlich sah ich, dass er einen erstaunlich großen Fisch im Schnabel hatte und dabei war, ihn im Ganzen zu verschlingen. Ich wollte diesen Moment unbedingt festhalten. Also zoomte ich. Und zoomte. Und zoomte noch ein bisschen weiter. Bis die Kamera mir den Kormoran so nah heranholte, wie ich ihn mit bloßem Auge niemals hätte sehen können. Das Ergebnis war ein ziemlich verrücktes Foto. Und eine Lektion. Denn spätestens danach wusste ich, dass optischer und digitaler Zoom zwei sehr verschiedene Dinge sind. Ich lernte, was passiert, wenn man eine Kamera über ihre optischen Möglichkeiten hinaus fordert. Heute sehe ich die technischen Schwächen dieses Bildes sofort. Damals sah ich einen Kormoran mit einem riesigen Fisch. Und offenbar ging es anderen Menschen genauso. Das Foto wurde häufig bestaunt und sogar mehrfach in meinem Pavillon an der Schleuse verkauft. Keiner dieser Menschen fragte mich, ob ich beim Fotografieren wohl den digitalen Zoom benutzt hatte. Sie sahen den Moment. Und genau das lässt mich heute über die Frage nachdenken, was eigentlich ein gutes Foto ausmacht: technische Perfektion? Oder ein Bild, das jemanden innehalten lässt? Vielleicht brauchen wir beides nicht immer gleichzeitig. Das Bild war nicht perfekt. Aber die Erfahrung dahinter war unbezahlbar.
Einen Augenblick kann man nicht wiederholen
Im Oktober desselben Jahres begegneten mir zwei Schwäne. Für einen kurzen Augenblick kamen sie sich so nah, als würden sie einander begrüßen. Ihre Hälse bildeten beinahe ein Herz, und im Wasser spiegelte sich diese Begegnung noch einmal. Ich habe ausgelöst. Später habe ich das Foto beschnitten und gerade ausgerichtet, gerahmt und ungefähr zwanzig Exemplare davon verkauft. Natürlich könnte ich auch dieses Bild heute mit meinem jetzigen Wissen betrachten und überlegen, was ich anders machen würde. Aber würde ich deshalb auf dieses Foto verzichten wollen? Niemals. Denn eines kann ich mit all meinem heutigen Wissen und meiner heutigen Erfahrung nicht wiederholen: diesen Augenblick. Vielleicht werde ich eine solche Begrüßung zweier Schwäne kein zweites Mal sehen. Und genau deshalb erinnert mich dieses Bild an etwas, das bei aller Beschäftigung mit Kameras, Technik und Bildgestaltung leicht verloren gehen kann: Fotografie bedeutet nicht nur, etwas richtig zu machen. Manchmal bedeutet sie einfach, im richtigen Augenblick hinzusehen.Der Blick von damals
Wenn ich heute durch meine Aufnahmen seit 2018 gehe, erkenne ich Fehler, ja. Aber ich erkenne auch den Weg, den ich seitdem gegangen bin. Vielleicht sollten wir alte Fotos deshalb nicht fragen: „Was hätte besser sein können?“ Sondern: „Was hat dieses Bild mir beigebracht?“ Denn jede Aufnahme, die wir heute anders machen würden, war damals ein Schritt auf dem Weg zu dem Blick, den wir heute haben. Ein Foto ist deshalb mehr als das fertige Bild. Es bewahrt nicht nur einen Augenblick, sondern auch den Blick, mit dem dieser Augenblick gesehen wurde. Jede Aufnahme erzählt nicht nur, was vor der Kamera stand. Sie erzählt auch, wer hinter der Kamera stand – mit welchem Wissen, mit welcher Erfahrung, mit welchem Blick. Deshalb sind meine alten Fotos für mich viel mehr als ein Archiv. Sie zeigen Orte, Tiere, Menschen und Begegnungen. Aber sie zeigen auch meinen Weg. Manche dieser Bilder würde ich heute anders fotografieren. Das wäre sogar bedenklich, wenn es nicht so wäre. Denn dann hätte ich in all den Jahren nichts gelernt. Ich möchte meinem früheren Ich deshalb nicht vorwerfen, was es damals noch nicht wissen konnte. Im Gegenteil.Immer noch unterwegs
Rückblickend war es eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Ich habe 2017 ohne jede Vorkenntnis eine Kamera in die Hand genommen und mich auf den Weg gemacht.
Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Ich bin immer noch unterwegs.
Und ich denke noch genauso wie damals:
Wer weiß, was noch alles Schönes passiert.
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