– 25|09|26 –
Wenn man sich manche Fotoseiten anschaut, könnte man meinen, für ein gutes Foto müsse man mindestens drei Stunden fahren, einen Berg besteigen oder morgens um vier irgendwo an einer Steilküste stehen.
Mein fotografischer Radius ist deutlich bescheidener: ungefähr sechs Kilometer in jede Himmelsrichtung. Und bei den derzeitigen Spritpreisen ist das ausgesprochen erholsam.
Innerhalb dieses überschaubaren Kreises liegen erstaunlich viele meiner Motive: See, Felder, Wald, Pferdekoppel, Schleuse und natürlich mein eigener Garten. Eigentlich müsste ich irgendwann jeden Baum, jeden Weg und jedes Tier persönlich kennen. Tue ich aber nicht. Denn diese Orte sind zwar immer dieselben – aber sie sehen nie gleich aus.
An der Pferdekoppel kann an einem Tag überhaupt nichts passieren. Die Pferde stehen herum, fressen und zeigen mir vorzugsweise ihre Hinterteile. Beim nächsten Besuch liegt plötzlich ein frisch geborenes Fohlen im Stroh. Ein paar Wochen später rast genau dieses kleine Wesen über die Koppel, als hätte es gerade entdeckt, wozu vier Beine eigentlich gut sind.
Am See ist es ähnlich. Manchmal: Wasser. Ente. Ende. Und dann fahre ich früh morgens hin, Nebel liegt über dem Wasser, die Sonne kommt gerade hoch und aus einem Ort, an dem ich schon unzählige Male gestanden habe, wird für ein paar Minuten eine völlig andere Landschaft.
Auch auf den Feldern gibt es keine Bestellung beim Fotoservice. Der Fuchs kommt nicht, weil ich mit der Kamera dastehe. Der Greifvogel setzt sich nicht auf den passenden Ast, weil dort das Licht besonders schön wäre. Und der Hase interessiert sich herzlich wenig dafür, ob ich gerade die richtigen Einstellungen habe.
Vielleicht mag ich gerade deshalb diese vertrauten Orte so gern. Je öfter ich irgendwo bin, desto genauer schaue ich hin. Ich weiß inzwischen, wo morgens das Licht herkommt, wo die Vögel gern sitzen und an welchen Stellen sich das Warten lohnen könnte. Wobei „lohnen“ beim Fotografieren relativ ist. Manchmal warte ich und es passiert – nichts. Auch das gehört dazu.
Und dann ist da noch die Schleuse. Eigentlich immer dieselbe Kulisse: Wasser, Brücke, Boote und Menschen. Trotzdem habe ich dort noch nie zweimal dasselbe gesehen. Im Sommer voll und laut, an anderen Tagen fast leer. Mal interessiert mich das Wasser, mal eine Spiegelung, mal sind es die Menschen. Genau dort treffen sich auch meine beiden fotografischen Welten. Auf der einen Seite Natur und Tiere, auf der anderen Street und die kleinen Szenen, die man nicht planen kann.
Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen einem Ort, den man einmal besucht, und einem Ort, den man kennt. Beim ersten Besuch sucht man nach dem offensichtlichen Motiv. Wenn man immer wiederkommt, beginnt man auf die Kleinigkeiten zu achten. Auf anderes Licht, eine Bewegung, einen Blick oder einfach auf den richtigen Moment.
Natürlich gibt es auch Tage, an denen ich mit einer gut gefüllten Speicherkarte nach Hause komme und später feststelle, dass kein einziges Bild dabei ist, das mich wirklich überzeugt. Dann fahre ich eben wieder hin. Denn „Da war ich doch schon“ ist beim Fotografieren eigentlich ein ziemlich schlechter Grund, nicht noch einmal loszufahren. Das Licht war noch nicht da, der Nebel auch nicht und der Fuchs hatte vermutlich gerade etwas anderes vor.
So ist mein fotografischer Radius über die Jahre gar nicht wesentlich größer geworden. Mein Blick auf das, was sich darin befindet, dagegen schon.
Und natürlich fahre ich für diese sechs Kilometer gern mit einer Fotoausrüstung los, als wäre eine Expedition in die Serengeti geplant. Zwei Kameras, verschiedene Objektive und selbstverständlich das 200–600er.
Man weiß ja nie.