– 15|04|26 –

Kuh auf der Weide

Ich teste das 24mm jetzt seit vier Wochen, nicht jeden Tag, aber immer wieder. Sozusagen Teil 2. Ich wollte herausfinden, was dieses Objektiv wirklich kann – nicht im Lehrbuch, sondern bei mir.

Also habe ich es mitgenommen, unter anderem zum Bahnhof. Ich dachte, das passt: Bewegung, Menschen, Nähe. Aber es fühlte sich nicht richtig an. Zu viel Unruhe, zu wenig Kontrolle und vor allem kein klares Gefühl dafür, wo ich eigentlich hin will.

Dann der Wald. Wurzeln, Bäume, Strukturen. Am Anfang spannend, aber auf Dauer immer gleich. Ich habe gemerkt: Nur weil etwas da ist, wird es noch lange kein Bild.

Im Garten wurde es besser. Blumen, Blätter, Licht, das durch Zweige fällt. Das war ruhig, schön, fast meditativ. Aber irgendetwas hat noch gefehlt.

Foto einer Blume im Garten mit Schnecke

Dann die Pferdekoppel. Kühe, Ziegen, ein Pferd, das mich anschaut. Und plötzlich war er da, dieser Moment, den man nicht planen kann. Ich war nah dran, mit dem 24mm, und ich war unten, auf den Knien, manchmal noch tiefer. Nicht bequem, nicht elegant, aber genau da hat sich etwas verändert: die Perspektive.

Pferd auf der Koppel

Plötzlich war ich nicht mehr die, die fotografiert, sondern auf Augenhöhe oder sogar darunter. Die Kuh wirkte größer, präsenter, das Pferd hat mich nicht nur angeschaut, es hat mich wahrgenommen. Nähe, die ich am Bahnhof nicht hatte und die im Wald nicht entstanden ist. Nicht, weil der Ort besser war, sondern weil ich mich verändert habe. Ich habe mich runterbewegt, im wahrsten Sinne.

Zwischendurch habe ich mir ein Buch über Weitwinkel-Fotografie gekauft, weil ich dachte, ich brauche noch mehr Input. Mehr Wissen, mehr Technik, mehr Verständnis. Aber das Buch hat mir etwas anderes gezeigt: Berge, weite Landschaften, südliche Länder, Menschen, die kein Problem mit Nähe haben. Ich habe weitergeblättert und gemerkt, dass das nicht meine Welt ist.

Ich stehe nicht auf einem Aussichtspunkt und warte auf den perfekten Sonnenuntergang. Ich stehe auf einer Wiese, mit einer Kuh vor mir, mit einem Pferd, das mich ansieht. Und genau da habe ich verstanden, was mir das Buch nicht geben kann. Nähe entsteht nicht durch den Ort. Sie entsteht durch das, was passiert, und durch die Perspektive, die ich einnehme.

Die Kuh kam auf mich zu, einfach so. Kein Spektakel, keine Inszenierung, und trotzdem war da mehr als in vielen Bildern, die ich gesehen habe. Später das Pferd. Ein Blick, ein kurzer Moment, in dem ich nicht sicher war, wer hier eigentlich wen beobachtet.

Ich habe das Buch danach zur Seite gelegt. Nicht, weil es schlecht ist, sondern weil es mir etwas verspricht, das ich nicht brauche. Ich brauche keine Berge, um Tiefe zu erzeugen, keine fremden Länder, um Nähe zu erleben und keinen perfekten Ort, um ein Bild zu machen, das etwas bedeutet.

Ich brauche nur das, was da ist, und den Mut, näher ranzugehen. Und manchmal auch den Mut, mich einfach auf den Boden zu knien.

Ich werde das Buch zurückschicken. Das Objektiv behalte ich. Und das, was ich heute gesehen habe, auch.

Pferde auf der Koppel