– 12|05|26 –

Spaziergänger
Spinnennetz

Um vier Uhr morgens klingelte der Wecker. Nicht freundlich, nicht sanft. Eher wie eine kleine Erinnerung daran, dass Naturfotografie manchmal ein merkwürdiger Vertrag mit der Müdigkeit ist.

Eine Stunde später fuhren wir Richtung Wiesen. Die Welt war noch still, als hätte sie vergessen aufzuwachen. Über den Feldern hing dichter Nebel. Riesige Spinnennetze spannten sich zwischen den Gräsern, voll mit kleinen Tautropfen, die aussahen wie aufgefädelte Glasperlen. Jeder Schritt durchs feuchte Gras fühlte sich an wie das Betreten einer anderen Welt.

Es gibt diese Morgen, an denen plötzlich alles stimmt: Feuchtigkeit in der Luft, Windstille, die ersten Sonnenstrahlen, Nebel, der nicht zu dicht ist, und dieses leise Gefühl, dass hinter jeder Ecke etwas warten könnte.

Drei Stunden lang suchten wir. Beobachteten. Warteten. Fotografierten Licht, Schilf, Wassertropfen und Stimmungen. Natürlich begleitet von diesem typischen Naturfotografen-Gedanken:
„Heute wird das wohl nichts mehr.“

Auf dem Rückweg tauchte dann doch noch ein Rohrsänger auf. Klein, laut und voller Energie saß er singend im Schilf, als hätte er den Morgen allein für sich reserviert. Ein Fischadler zog weit entfernt vorbei. Kein Vorzeigefoto. Mehr Erinnerung als perfektes Wildlife-Bild. Aber manchmal reicht genau das.

Und dann kam der Moment, den man nicht planen kann.

Ein Fuchs. Ein Rehbock. Mitten auf der Wiese.

Reh

Der Fuchs schlich vorsichtig um den Bock herum. Vielleicht neugierig. Vielleicht übermütig. Vielleicht einfach nur überzeugt davon, die Situation unter Kontrolle zu haben. Der Rehbock dagegen wirkte ruhig, wachsam und souverän.

Für einen kurzen Augenblick sah es aus wie ein seltsamer Tanz zwischen zwei völlig verschiedenen Wesen. Dann entschied der Bock offenbar, dass das Experiment beendet war. Und Herr Reinecke trat den strategischen Rückzug an.

Keine technisch perfekten Bilder. Keine Hochglanz-Wildlife-Aufnahmen. Aber eine Szene, die im Gedächtnis bleibt.

Genau darum liebe ich solche Morgen. Nicht nur wegen der Fotos. Sondern wegen der Geschichten, die plötzlich vor einem entstehen.
Zwischen all den Begegnungen lagen immer wieder diese stillen Momente: Nebel über dem Wasser, Lichtstrahlen im Wald, ein einzelner Tropfen an einem Grashalm, die ersten warmen Farben des Sonnenaufgangs, Kraniche auf der Wiese und irgendwo dazwischen immer wieder das Gefühl, dass die Welt am frühen Morgen weicher ist als tagsüber.

Und dann war da noch Meister Löffel.

Mein erster Hase – zumindest der erste, bei dem am Ende wirklich brauchbare Bilder entstanden. Wie lange ich mir diesen Moment schon gewünscht habe, kann wahrscheinlich nur jemand verstehen, der selbst morgens frierend auf Wiesen steht und hofft, dass plötzlich irgendwo zwischen Tau und Gras ein kleines Wunder auftaucht.

Hasen gehören für mich zu diesen Tieren, die immer nur kurz da sind. Ein Schatten, eine Bewegung, ein flüchtiger Sprung. Und meistens ist der Moment vorbei, bevor die Kamera überhaupt richtig oben ist.
An diesem Morgen aber lief er plötzlich einfach über die Wiese. Als wäre das das Normalste der Welt. Ruhig, aufmerksam, fast elegant.

Später dann dieser explosive Sprint durchs Gras, als hätte Meister Löffel beschlossen, uns doch noch kurz zu zeigen, wer hier wirklich schneller ist.

Keine perfekten Hochglanzbilder. Aber endlich mein Hase. Und wahrscheinlich genau deshalb werde ich diese Fotos so schnell nicht vergessen.

Hase

Besonders überrascht hat mich an diesem Morgen etwas anderes: Viele der Bilder entstanden mit meinem 90mm Makroobjektiv. Nicht als klassisches Makro. Sondern eher wie ein stilles Beobachtungswerkzeug. Ich glaube langsam, dass ich durch das Fotografieren mit dem 24er-Weitwinkel angefangen habe, anders zu sehen. Nicht mehr nur Motive, sondern Licht, Raum, Atmosphäre und Zwischenräume.

Vogel

Vielleicht war genau das der eigentliche Glücksmoment dieses Morgens. Nicht der Fuchs, nicht der Rehbock und nicht einmal Meister Löffel – mein erster wirklich gelungener Hase am frühen Morgen.

Sondern dieses Gefühl, plötzlich zu verstehen, warum man immer wieder um vier Uhr morgens aufsteht.

Für Nebel, für Stille, für Licht und für Geschichten, die nur wenige Minuten existieren.

Und manchmal einfach nur für einen einzigen Wassertropfen am Ende eines Grashalms.