– 16|06|26 –

Wie die Natur uns entschleunigen kann

Manchmal habe ich das Gefühl, die Welt ist ständig in Eile.

Das Handy piept, Nachrichten wollen beantwortet werden, Termine drängen sich in den Kalender und selbst die Freizeit wird oft durchgeplant.
Viele Menschen suchen nach Möglichkeiten, langsamer zu werden, abzuschalten und für einen Moment zur Ruhe zu kommen.
Ich habe das große Glück, dass die Natur mich jeden Tag daran erinnert. Nicht, weil ich besonders diszipliniert wäre. Sondern weil zwei Hunde darauf bestehen, dass ich bei jedem Wetter nach draußen gehe.

Mindestens 2 Stunden am Tag bin ich im Wald oder auf den Wegen unterwegs. An manchen Tagen scheint die Sonne, an anderen zieht Regen über die Bäume. Die Hunde interessiert das wenig. Sie leben im Hier und Jetzt. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Spaziergänge so guttun.
Während die Hunde schnüffeln, werde ich langsamer. Der Kopf braucht oft eine Weile, bis er hinterherkommt. Die Gedanken kreisen noch um das, was erledigt werden muss. Doch irgendwann geschieht etwas. Die Geräusche des Alltags treten in den Hintergrund. Stattdessen höre ich einen Specht, das Rascheln der Blätter oder den Wind in den Baumkronen.

Wie die Natur uns entschleunigen kann

Noch stärker spüre ich das an den frühen Morgenstunden.
Darüber habe ich bereits in einem anderen Blogbeitrag geschrieben, denn diese Ausflüge sind eine eigene Welt. Während viele Menschen noch schlafen, schleiche ich über die Wiesen. Oft liegt Nebel über dem Gras. Die Landschaft wirkt still und unberührt. Dann beginnt langsam die Sonne aufzugehen.
Und obwohl ich dieses Schauspiel schon unzählige Male erlebt habe, freue ich mich jedes Mal wie ein Kind.
Es gibt Morgen, an denen ein Fasan laut auffliegend aus dem hohen Gras schießt, weil er offensichtlich nicht damit gerechnet hat, um diese Uhrzeit einem Menschen zu begegnen. Für einen Moment erschrecken wir beide. Dann muss ich lachen.
Diese kleinen Begegnungen holen mich aus dem Gedankenkarussell heraus. Sie erinnern mich daran, dass das Leben nicht nur aus Aufgaben und Verpflichtungen besteht.

Wie die Natur uns entschleunigen kann

Auch mein Garten hilft mir dabei.
Manche würden ihn vermutlich als etwas zu wild bezeichnen. Der Rasen darf wachsen. Zwischen den Halmen stehen Schafgarbe, Glockenblumen, Goldrute, Akelei und auch Brennnesseln.
Für mich ist das kein ungepflegter Garten. Es ist ein lebendiger Garten.
Dazu gehört auch ein kleiner Gartenteich. Er ist kein großer Teich, aber für viele Tiere ein wichtiger Anziehungspunkt. Vögel kommen zum Trinken und Baden, Insekten schwirren über die Wasseroberfläche, Libellen nutzen ihn als Landeplatz und Frösche schauen regelmäßig vorbei. Oft sitze ich einfach nur da und beobachte das kleine Leben rund ums Wasser. Es ist erstaunlich, wie viel in einem so kleinen Lebensraum geschieht, wenn man sich die Zeit nimmt hinzusehen.

Wie die Natur uns entschleunigen kann

Mit meiner Kamera und dem Makroobjektiv gehe ich dort regelmäßig auf Entdeckungsreise. Oft liege ich bäuchlings im Gras und suche nach Insekten, die ich noch nicht kenne. Dabei vergesse ich nicht selten die Zeit.
Wer einmal versucht hat, eine Wildbiene, einen Käfer oder eine winzige Fliege durch ein Makroobjektiv zu beobachten, weiß, wie sehr sich dabei der Blick verändert. Plötzlich wird eine Blüte zur Landschaft und ein wenige Millimeter großes Insekt zur Hauptperson.

Manchmal habe ich das Glück, eine Art zu entdecken, die ich bisher noch nie gesehen habe. Dann beginnt die Recherche. Und wenn sich darunter ein seltener oder besonders interessanter Fund befindet, übermittle ich die Beobachtung an Dr. Jörg Gelbrecht vom NABU. Es freut mich, wenn aus einer ruhigen Stunde im Garten manchmal sogar ein kleiner Beitrag zur Naturbeobachtung und zum Artenschutz wird.
In solchen Momenten gibt es kein Gestern und kein Morgen. Es gibt nur diesen einen Augenblick.
Vielleicht liegt genau darin die Kraft der Natur.
Sie verlangt nichts von uns. Sie bewertet uns nicht. Sie erwartet keine Leistung. Ein Sonnenaufgang muss nichts beweisen. Eine Wildbiene sammelt Nektar, ohne sich Gedanken über Effizienz zu machen. Ein Baum wächst in seinem Tempo.
Die Natur erinnert uns daran, dass nicht alles schneller werden muss. Gerade in einer Zeit, in der vieles von Hektik geprägt ist, kann das eine wertvolle Erfahrung sein.

Für mich bedeutet Entschleunigung deshalb nicht, gar nichts zu tun. Im Gegenteil. Ich bin unterwegs, beobachte, fotografiere, entdecke und staune. Aber ich tue es in einem Rhythmus, den nicht die Uhr vorgibt.
Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich draußen so wohlfühle.
Die Natur löst nicht alle Probleme. Doch sie schafft etwas, das in unserem Alltag oft verloren geht: Raum zum Durchatmen.
Und manchmal beginnt dieser Raum mit einem Waldweg, einem Sonnenaufgang, einem aufgeschreckten Fasan, einem kleinen Gartenteich oder einem winzigen Insekt auf einer Glockenblume.

Wie die Natur uns entschleunigen kann

Vielleicht ist Entschleunigung deshalb gar nicht das richtige Wort. Vielleicht geht es eher darum, sich das Staunen zu bewahren. Über einen Sonnenaufgang. Über einen Fasan im Morgennebel. Über eine Wildbiene auf einer Glockenblume. Über einen Frosch am Teichrand. Oder über die Erkenntnis, dass die Welt auch ohne unsere Eile wunderbar funktioniert.